Lyme Borreliose

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Epidemiologie

Lyme Borreliose

Die Lyme-Borreliose ist die häufigste zecken-übertragene Infektionskrankheit in der nördlichen Hemisphäre. In Deutschland und den angrenzenden Staaten wird Borrelia burgdorferi s.l. primär durch die hierzulande weit verbreitete Zecken-Art Ixodes ricinus (gemeiner Holzbock) übertragen. Während die ebenfalls durch Zecken übertragene Virusinfektion FSME nur in einigen Regionen Deutschlands auftritt, kommt die Lyme-Borreliose in ganz Deutschland vor.

Durchseuchung der Zecken

Es wird geschätzt, dass im Bundesdurchschnitt etwa 20% der adulten Zecken Borrelienträger sind, wobei der Durchseuchungsgrad je nach Region von unter 10% bis über 50% reichen kann. Bereits dicht nebeneinanderliegende Gebiete können erhebliche Schwankungen aufweisen. So wurde z.B. bislang für Niedersachsen die durchschnittliche Durchseuchung mit 9% bis 17,8% angegeben. (Wilske et al. 2005) Eine aktuelle Studie zeigt, dass in drei süd-niedersächsischen Gebieten, in denen häufig bei Forstarbeitern eine Lyme-Borreliose diagnostiziert wird, durchschnittlich 25% der Zecken (24,3% der Adulti, 24,8% der Nymphen und 12,2% der Larven) Träger dieses Erregers sind. Je nach Gebiet: A: 15,8%, B: 27,3% und C: 31%. (Runge et al. 2010)



Seroprävalenz (positive Antikörper im Serum)

In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation Europa 2006 wird die Borrelien-Seroprävalenz-Rate für Deutschland mit 5,6% angegeben. Diese Daten basieren jedoch auf partiellen Untersuchungen älteren Datums. Das Robert-Koch-Institut führt nun im Rahmen der Gesundheitssurveys für Kinder (KIGGS) und Erwachsene (DEGS) auch Untersuchungen zur Borrelien-Seroprävalenz durch. Die Ergebnisse der KIGGS-Studie liegen inzwischen vor. Es wurden Sera von 12.614 Kindern und Jugendlichen untersucht. Die ELISA-Seroprävalenz der Lyme-Borreliose bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 1 bis 17 Jahren betrug 4,8% (95% VI: 4,3% - 5,4%).

Durch die Feststellung der Borrelien-Seroprävalenz sind Erkenntnisse darüber möglich, wie viele Menschen in Deutschland schon einmal Kontakt mit dem Erreger hatten. Die Daten können jedoch nichts darüber aussagen, wie viele davon aktuell an einer akuten und therapiebedürftigen Lyme-Borreliose leiden. Denn eine positive Antikörper-Antwort (IgG und IgM) kann auch mehrere Jahre nach einer ausgeheilten Lyme-Borreliose weiterhin bestehen bleiben, weshalb allein aufgrund serologischer Daten keine Unterscheidung zwischen einer aktuten und einer ausgeheilten Infektion möglich ist. Siehe hierzu auch die Aufsführungen unter Diagnostik



Jährliche Neuerkrankungsrate (Inzidenz)

Die Lyme-Borreliose wurde bislang nicht in die Liste der bundesweit meldepflichtigen Infektionskrankheiten nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) aufgenommen. Von der Möglichkeit einer landesrechtlichen Meldereglung nach dem IfSG § 15, Absatz 3 machen seit Anfang der 90er Jahre nur die ostdeutschen Bundesländer (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern) Gebrauch. 2011 haben auch das Saarland und Rheinland-Pfalz eine entsprechende Regelung eingeführt.

Die jährliche Neuerkrankungsrate wurde bislang auf etwa 60.000 bis 100.000 pro Jahr geschätzt. Eine aktuelle Untersuchung des Robert-Koch-Instituts im Verbund mit Wissenschaftlern und der Deutschen Angestellten Krankenkasse geht davon aus, dass die jährliche Inzidenz in Deutschland bei etwa 261 pro 100.000 Einwohnern liegt. (Müller, I. et al. 2012) Das wären etwa 230.000 jährliche Neuerkrankungen. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass diese Art von Studien jedes Jahr durchgeführt werden, weshalb die Forderung nach einerm entsprechenden Sentinel-System weiterhin zu stellen ist, um die jährliche Inzidenz, die Zu- oder Abnahme der Erkrankungsfälle und ihre regionale Verteilung feststellen zu können.

Hinzu kommt: Für Ärzte in den Ländern mit Lyme-Borreliose-Meldepflicht sind die labordiagnostischen Untersuchungen nicht budgetbelastend, was jedoch in den Bundesländern ohne Meldepflicht der Fall ist. Während Heilpraktiker in den Ländern mit Lyme-Borreliose-Meldepflicht diese Infektionskrankheit nicht behandeln dürfen, ist ihnen das in den Ländern ohne eine entsprechende Regelung erlaubt. Es dürfte aber keine Frage sein, dass die Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten in die Hände von Ärzten gehört.

Unzureichende Falldefinitionen für die landesrechtliche Meldepflicht

"Als Erfassungsgrundlage für Lyme-Borreliose nach IfSG für die Arbeit im Gesundheitsamt wurden vom RKI eine Falldefinition bereitgestellt und zu Beginn des Jahres 2002 im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht. Die Falldefinition ist - im Gegensatz zu den Meldegepflogenheiten nach BseuchG - ausdrücklich auf die Erfassung und Übermittlung akuter Neuerkrankungen (Inzidenz) gerichtet. Auf die Erfassung von Spätstadien von Lyme-Borreliose, beispielsweise des Borrelien-Lymphozytoms, der Acrodermatitis chronica atrophicans, der chronischen Neuroborreliose, der Lyme-Arthritis und der Lyme-Karditis wurde bewusst verzichtet. Die Erfassung sowohl von Früh- als auch von Spätstadien liefert zwar Informationen zu Ausmaß und Umfang der Erkrankungssituation in der Bevölkerung insgesamt (Prävalenz), aber nur eingeschränkt verwertbare Informationen zur Inzidenz (Anzahl an Neuerkrankungen in Zeit und Raum)." (Auszug aus: Epidemiologisches Bulletin 2005, Nr. 32)

Zum 1.1.2009 wurden die Falldefinitionen der Lyme-Borreliose erweitert und die Lyme-Arthritis neu aufgenommen. Des Weiteren ist nun kein positiver Liquornachweis zur Diagnose der Neuroborreliose bei Kindern mehr erforderlich, aber weiterhin bei Erwachsenen. Siehe hierzu: Falldefinitionen für die Gesundheitsbehörden der Länder, in denen zusätzlich zum IfSG eine Meldepflicht für weitere Krankheiten besteht 2009


Ausführliche Informationen siehe unter:

Lyme-Borreliose: Unzureichende Datenlage - Fehlende bundesweite Meldepflicht 2009 (pdf)



Krankheitsprävalenz

Es liegen keine Daten darüber vor, wie viele Menschen in Deutschland aktuell an einer mehr als sechs Monate andauernden (chronischen) Lyme-Borreliose (im Sinne einer persistierenden Infektion) oder an Spätschäden aufgrund eines längeren Krankheitsprozesses (Organschädigungen trotz Erregereliminierung oder postinfektiöse Prozesse) leiden. Ebenso ist unbekannt, wie häufig eine (chronische) Lyme-Borreliose diagnostiziert wird, obwohl sie nicht vorliegt.



Weitere Informationen

Robert-Koch-Institut
Epidemiologisches Bulletin 13/2010, Lyme-Borreliose: Analyse der gemeldeten Erkrankungsfälle der Jahre 2007 bis 2009 aus den sechs östlichen Bundesländern März 2010 (pdf)

Pressemitteilung der Bundesregierung
Zeckenstiche nicht unterschätzen und verharmlosen 13.8.2010

Antrag von (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Antwort des Bundesgesundheitsministeriums:
Aufnahme der Lyme-Borreliose in das Infektionsschutzgesetz (Seite 20), 2009 (pdf)

Petition Bremen
Meldepflicht Lyme-Borreliose 2010

Antrag der CDU und Stellungnahme des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Borreliose- und Zecken-Forschung in Baden-Württemberg 2010 (pdf)

Antrag der SPD
Meldepflicht bei Borreliose 2011 (pdf)

Aus dem Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz
Einführung einer Meldepflicht für Borreliose in Rheinland-Pfalz und im Saarland 2011 (pdf)

Anfrage der SPD und Antwort des Ministers für Arbeit, Familie und Gesundheit Hessen
Situation der Borreliose-Erkrankungen in Hessen 2010 (pdf)

Schriftliche Anfrage der FREIEN WÄHLER und Antwort des des Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit
Situation der LymeBorreliose in Bayern 2011 (pdf)

Frag den Staat
Stellungnahme des RKI dem BMG zur Forderung nach einer bundesweiten Meldefrist für Lyme-Borreliose 08.02.2011

Bundesministerium für Gesundheit
Seroprävalenz der Lyme-Borreliose bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland (Abschlussbericht KIGGS) 2012

Robert-Koch-Institut
Bericht über DEGS - Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, Seite 53: Zur Lyme-Borreliose 2010 (pdf)

M. Braks et al.
Towards an integrated approach in surveillance of vector-borne diseases in Europe 2011

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