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Lyme Borreliose: Historie, Krankheitserreger,
Epidemiologie
Historie
Bereits 1873 wurde die Acrodermatitis chronica atrophicans im Atlas für Hautkrankheiten aufgeführt, die dann 1902 von dem deutschen Wissenschaftler Karl Herxheimer beschrieben und definiert wurde. 1910 wurde von Afzelius nach einem Zeckenstich ein Erythema migrans beobachtet und 1922 von Garin und Bujadoux das Vorkommen von neurologischen Erkrankungen dokumentiert. 1930 erkannte Hellström den Zusammenhang zwischen dem Auftreten eines Erythema migrans und dieser neurologischen Erkrankungen. 1941 wurde von Bannwarth der erste Fall einer lymphozytären Meningoradikulitis und 1943 von Bäfverstedt das Auftreten eines Lymphoms in zeitlicher Nähe mit einem Erythema migrans beschrieben. 1942 wurden von Kahle Zusammenhänge zwischen einer ACA und einer Spirochätenerkankung vermutet. 1953 wurde von Hellström festgestellt, dass sich das Erythema migrans unter der Penicillin-Gabe eher zurückbildet als ohne eine Antibiotika-Behandlung, weshalb bereits damals der Verdacht bestand, dass es sich um eine bakterielle Infektionskrankheit handelt.
Die „offizielle“ Geschichte der Lyme-Borreliose beginnt jedoch erst 1975 in den USA. In dem Ort Old Lyme in Connecticut traten damals gehäuft arthritische Beschwerden bei Kindern auf. Es ist vor allem der Hartnäckigkeit von Polly Murray, einer Bewohnerin des Ortes, zu verdanken, dass in der Folge weitere Untersuchungen durch die Behörden und die Yale-Universität durchgeführt wurden. Der Rheumatologe AC. Steere ging der Sache nach.
Er stellte fest, dass die juvenile Arthritis in diesem Ort sehr viel häufiger auftritt als in anderen Regionen und dass im zeitlichen Zusammenhang bei etwa der Hälfte dieser Arthritis-Patienten zuvor eine ringförmige Haut-Rötung aufgetreten war. (Steere, AC 1977)
1981 entdeckte Willi Burgdorfer in Zecken eine zuvor noch nicht identifizierte Spirochäte als Verursacher dieser Krankheit. Durch weitere Untersuchungen konnte dieser Erreger der Gattung Borrelia (Familie der Spirochaetaceae)
zugeordnet werden und wurde später mit einem Zusatz nach seinem Entdecker
benannt: Borrelia burgdorferi. Die Gattung Borrelia wurde nach dem französischen Wissenschaftler Amédée Borrel benannt.
Die durch Borrelia burgdorferi verursachte Krankheit wurde nach ihrem Entdeckungsort als „Lyme-Krankheit“ (Lyme disease) bezeichnet. Diese Bezeichnung wird im englischsprachigen Raum sowie im ICD (Internationale Klassifikation der Krankheiten) nach wie vor verwendet. Im europäischen Raum etablierte sich jedoch später der Begriff „Lyme-Borreliose“, was umgangssprachlich manchmal auch mit „Borreliose“ abgekürzt wird.
Krankheitserreger: Borrelia burgdorferi
Borrelia burgdorferi gehört zur Ordnung der Spirochaetales (Spirochäten), von denen humanpathologisch bedeutsam vor allem die drei Gattungen Borrelia, Leptospira und Treponema sind. Die Gattung Borrelia gliedert sich in den Erreger des Läuserückfallfiebers (u.a. Borrelia recurrentis), den des Zecken-Rückfallfiebers (u.a. Borrelia duttonie, Borrelia hermsii) und den durch Zecken übertragenen Erreger der Lyme-Borreliose (Borrelia burgdorferi mit zahlreichen Genospezies).
Borrelia burgdorferi ist ein spiralförmiges und bewegliches Bakterium (Länge: 8-30 µm, Zelldurchmesser: 0,18-0,25 µm). Die wichtigste Energiequelle des Bakteriums ist Glukose. Borrelien vermehren sich durch Querteilung. Die Generationszeit beträgt etwa 7 bis 20 Stunden, weshalb für eine kulturelle Anzüchtung mehrere Wochen bis Monate benötigt werden.
Während in den USA vor allem Borrelia burgdorferi sensu stricto
(s.s.) vorkommt, treten in Europa und Asien weitere humanpathogene Spezies auf, die unter dem Begriff Borrelia burgdorferi sensu lato
(s.l.) zusammengefasst werden. Es wird davon ausgegangen, dass die Genospezies
einen bedingten Organotropismus aufweisen und schwerpunktmäßig für
unterschiedliche Erkrankungsformen verantwortlich sind. (Lebech et al. 1994) Allerdings wurde auch festgestellt, dass jede Art vom Grunde her jede Erkrankungsform verursachen kann. Kombinationen von unterschiedlichen Manifestationen sind zudem möglich.
Epidemiologie
Die Lyme-Borreliose ist in der nördlichen Hemisphäre mit Abstand die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit und zudem auch eine der häufigsten Zoonosen. In Deutschland und den angrenzenden Staaten wird Borrelia burgdorferi
s.l. primär durch die hierzulande weit verbreitete Zecken-Art Ixodes ricinus (gemeiner Holzbock) übertragen. Während die ebenfalls durch Zecken übertragene Virus-Krankheit FSME
(Frühsommer-Meningoenzephalitis) nur in einigen Regionen Deutschlands auftritt, kommt die Lyme-Borreliose in ganz Deutschland vor.
Durchseuchung der Zecken
Es wird davon ausgegangen, dass im Bundesdurchschnitt etwa 20% der adulten (erwachsenen) Zecken Borrelienträ ger sind, wobei der Durchseuchungsgrad je nach Region von unter 10% bis über 50% reichen kann. Bereits dicht nebeneinanderliegende Gebiete können erhebliche Schwankungen aufweisen. Für Niedersachen wurde z.B. bislang die durchschnittliche Durchseuchung mit 9% bis 17,8% angegeben. (Wilske et al. 2005) Eine aktuelle Studie zeigte nun, dass in drei südniedersächsischen Gebieten, in denen häufig bei Forstarbeitern eine Lyme-Borreliose diagnostiziert wird, durchschnittlich 25% der Zecken (24,3% der Adulti, 24,8% der Nymphen und 12,2% der Larven) Träger dieses Erregers sind. Je nach Gebiet: A: 15,8%, B: 27,3% und C: 31%. (Runge et al. 2010)
Seroprävalenz (positive Antikörper im Serum)
In einem Bericht der WHO (Weltgesundheitsorganisation) Europa 2006 wird die Borrelien-Seroprävalenz-Rate für Deutschland mit 5,6% angegeben, d.h. dass über 4 Millionen Menschen Antikörper gegen diesen Erreger aufweisen. Da diese Daten nur auf kleineren regionalen Studien basieren, die auf ganz Deutschland hochgerechnet wurden, führt das Robert-Koch-Institut zur Zeit im Zusammenhang mit einem Gesundheitssurvey
für Kinder und Erwachsene entsprechende bundesweite Untersuchungen durch. Erste
Ergebnisse liegen hierzu bereits vor (Auszug):
"Die Ergebnisse der serologischen Untersuchung bestätigen, dass die Lyme-Borreliose in ganz Deutschland endemisch ist. Die Tatsache, dass 5 % der Kinder und Jugendlichen Antikörper gegen Borrelien aufweisen, unterstreicht die Bedeutung der Gesundheitsaufklärung von Eltern und Kindern zur Lyme-Borreliose." (Auszug aus RKI-Abstractband, 2010)
Durch die Feststellung der Borrelien-Seroprävalenz
sind Erkenntnisse darüber möglich, wie viele Menschen in Deutschland schon
einmal Kontakt zu diesem Erreger hatten. Die Daten können jedoch nichts darüber
aussagen, wie viele Menschen in Deutschland aktuell an einer akuten und
therapiebedürftigen Lyme-Borreliose leiden, da positive Antikörper auch nach
einer ausgeheilten Lyme-Borreliose mehrere Monate oder Jahre weiterhin bestehen
bleiben können.
Jährliche Neuerkrankungsrate
(Inzidenz)
Die Lyme-Borreliose wurde bislang
nicht in die Liste der bundesweit meldepflichtigen Infektionskrankheiten nach
dem Infektionsschutzgesetz aufgenommen wurde. Die Möglichkeit einer
landesrechtlichen Meldereglung haben bislang nur die ostdeutschen Bundesländern
(Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und
Mecklenburg-Vorpommern) wahrgenommen. Die durch diese Meldungen erhaltenen Daten
werden auf ganz Deutschland hochgerechnet.
2009
wurden in den ostdeutschen Bundesländern 5680 Neuerkrankungen gemeldet:
Robert-Koch-Institut
Epidemiologisches Bulletin
13/2010, Lyme-Borreliose: Analyse der gemeldeten Erkrankungsfälle der Jahre
2007 bis 2009 aus den sechs östlichen Bundesländern März 2010
Hochgerechnet auf ganz Deutschland
würde das plus/minus 34.000 ergeben. Im Jahresbericht des Nationalen
Referenzzentrums für Borrelien 2005 wird eine jährliche Inzidenz von 50.000
bis 100.000 angegeben. Es ist jedoch aus zahlreichen Gründen von einer
"Untererfassung" auszugehen.
Siehe hierzu auch:
Jutta Zacharias Unzureichende
Datenlage, fehlende bundesweite Meldepflicht, aktualisiert März 2009
Antrag und Antwort des
Wissenschaftsministeriums: Lyme-Borreliose- und Zecken-Forschung in
Baden-Württemberg, 15.1.2010
Antrag und Antwort des
Bundesgesundheitsministeriums zur Aufnahme der Lyme-Borreliose in das
Infektionsschutzgesetz (Seite 20), 2009
Zum Vergleich:
Neuerkrankungsrate in den USA
Die
Lyme-Borreliose ist in den USA bereits seit Anfang der 90er Jahre in allen
Staaten meldepflichtig. Bei etwa 300 Mio. Einwohnern werden jährlich
plus/minus 20.000 Neuerkrankungen gemeldet, wobei die Inzidenzrate jedoch in
den Bundesstaaten sehr unterschiedlich ist und von O (z.B. Alaska) bis über 90
Fälle (z.B. New Hampshire) pro 100.000 Einwohner reicht. (CDC: Lyme Disease
Incidence Rates by State, 2004-2008) Kritiker bemängeln jedoch auch in den USA
unzureichende Falldefinitionen und gehen deshalb ebenfalls von einer starken
Untererfassung aus.
Krankheitsprävalenz
Es liegen keine belastbaren Daten darüber vor, wie
viele Menschen in Deutschland aufgrund von Fehldiagnosen und unterlassenen
oder unzureichend durchgeführten Antibiotika-Behandlungen aktuell an einer
mehr als sechs Monate andauernden (chronischen) Lyme-Borreliose (im Sinne
einer persistierenden Infektion) oder an Spätschäden aufgrund eines längeren
Krankheitsprozesses (Residualsymptome aufgrund von Organschädigungen trotz
Ausheilung der Infektion) leiden. Ebenso ist unbekannt, wie häufig eine
Lyme-Borreliose diagnostiziert wird, obwohl sie nicht vorliegt.
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