| |  |
 |
 |
 |
 |

(Kurzform: Borreliose, Synonyme:
Lyme-Krankheit, Zecken-Borreliose, Englisch: Lyme disease)
Die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi
verursachte Lyme-Borreliose ist in der
nördlichen Hemisphäre die häufigste durch Zecken übertragene
Infektionskrankheit, an der nach Schätzungen des Nationalen
Referenzzentrums für Borrelien jedes Jahr in Deutschland etwa 60.000 bis
100.000 Menschen erkranken, wobei von einer weitaus höheren Dunkelziffer
auszugehen ist.
Während die ebenfalls durch Zecken übertragene
Virus-Krankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) nur in einigen
Regionen Deutschlands auftritt, kommt die Lyme-Borreliose in ganz
Deutschland vor. Es wird davon ausgegangen,
dass im Bundesdurchschnitt etwa 20% der adulten Zecken Borrelienträger
sind, wobei der Durchseuchungsgrad je nach Region von unter 10% bis über
50% reichen kann. In einem Bericht der WHO
Europa 2006 wird angegeben, dass etwa 5,6% der deutschen Bevölkerung
eine positive Borrelien-Serologie aufweisen würde.
Europäische Studien
weisen darauf hin, dass sich bei bis zu 75% der Borrelien-Infektionen eine manifeste Erkrankung entwickelt. (Fingerle, Krause Lyme
Borreliose 2009).
Das Datenmaterial zur
Durchseuchung der Zecken sowie zur Seroprävalenz (positive Serologie in
der Bevölkerung) und Inzidenz (jährliche Neuerkrankungsrate) ist für
Deutschland jedoch äußerst unzureichend, weshalb das tatsächliche
Infektions- und Erkrankungsrisiko unklar ist. Die Lyme-Borreliose
wurde bislang nicht in das Infektionsschutzgesetz aufgenommen, sondern
ist lediglich aufgrund landesrechtlicher Regelungen in den ostdeutschen
Ländern meldepflichtig. Mit den Falldefinitionen, die diesen Meldungen
zugrunde liegen, wird trotz einer Änderung zum 1.1.2009 nur ein kleiner
Teil der tatsächlichen jährlichen Neuerkrankungen erfasst.
Siehe hierzu auch:
Jutta Zacharias
Unzureichende Datenlage zur Lyme
Borreliose - Fehlende bundesweite Meldepflicht
13.3.2009
Im Anhang der Richtlinie 2003/99/EG des Europäischen Parlaments zur
Überwachung von Zoonosen wird die Lyme-Borreliose zwar nicht unter „A.
Überwachungspflichtige Zoonosen und Zoonoseerreger“, sondern unter „B.
Je nach epidemiologischer Situation überwachungspflichtige Zoonosen“
aufgeführt. Aufgrund einer jährlichen Inzidenz von mindestens etwa
60.000 bis 100.000 dürfte diese Regelung jedoch in Deutschland
anzuwenden sein, was bislang nicht erfolgt ist.

Krankheitserreger: Borrelia burgdorferi
Borrelia burgdorferi gehört zur
Ordnung der Spirochaetales. Humanpathologisch bedeutsam sind die drei Gattungen Borrelia, Leptospira
und Treponema. Die Gattung Borrelia gliedert sich in den Erreger des
Läuserückfallfiebers (u.a. Borrelia recurrentis), den des
Zecken-Rückfallfiebers (u.a. Borrelia duttonie, Borrelia
hermsii) und den durch Zecken übertragenen Erreger der
Lyme-Borreliose (Borrelia burgdorferi mit zahlreichen Genospezies).
Borrelia burgdorferi ist ein spiralförmiges und bewegliches Bakterium
(Länge: 8-30 µm, Zelldurchmesser: 0,18-0,25 µm) - und damit dicker
als Treponema und Leptospira. Der Protoplasmazylinder wird von einer
Zytoplasmamembran umgeben, an die sich eine äußere Membran anschließt.
Der dazwischen liegende periplasmatische Raum enthält 3 bis 18
Endoflagellen (Johnson et al. 1984), die eine schraubenförmige Bewegung
ermöglichen. Zudem wird die Spirochäte von einer mukoiden Schicht („Surface
layer“) umgeben, die sich von der Membran ablösen kann. Die wichtigste
Energiequelle des Bakteriums ist Glukose. Borrelien vermehren sich durch
Querteilung. Die Generationszeit beträgt etwa 7 bis 20 Stunden, weshalb
für eine kulturelle Anzüchtung mehrer Wochen bis Monate benötigt werden.
Während in den USA vor allem Borrelia burgdorferi
sensu stricto vorkommt, treten in Europa und Asien weitere
humanpathogene Spezies auf, die unter dem Begriff Borrelia
burgdorferi sensu lato zusammengefasst werden. Die bereits länger
bekannten europäischen Arten Borrelia afzelii und Borrelia garinii
und die erst in jüngster Zeit aus Zecken und menschlichem Material
isolierten Borrelia spielmanii und Borrelia bissettii
(DN127) gelten als humanpathogen. (Fingerle et al. 2007, Rudenko et al.
2009). Als fraglich humanpathogen werden in der Fachliteratur
Borrelia lusitaniae und Borrelia valaisiana angegeben, obwohl
auch sie aus menschlichem Material isoliert werden konnten (Collares-Pereira
et al. 2005, Godfroid et al. 2003).
Es wird davon ausgegangen, dass die einzelnen Genospezies
schwerpunktmäßig für die jeweiligen Erkrankungsformen verantwortlich
sind und damit ein gewisser Organotropismus besteht. (Lebech et al.
1994) Allerdings wurde auch festgestellt, dass jeder Genotyp vom Grunde
her jede Erkrankungsform verursachen kann. Kombinationen von
unterschiedlichen Organmanifestationen sind zudem möglich.
|
Pathogene Borrelia-Spezies in Europa (Deutschland*) |
Assoziierte Erkrankung |
|
B.
burgdorferi s.s.*
B. afzelii*
B.
garinii*
B.
spielmani*
B. bisettii |
Arthritis
Haut
Neuroborreliose
?
? |
Die Genospezies sind nur bedingt
immunologisch kreuzreaktiv und kreuzprotektiv. Das bereitet in Europa im
Bereich der Diagnostik und Impfstoff-Entwicklung größere Probleme als dies
in den USA der Fall ist. Zudem zeigen entsprechende Studien, dass auch
die Fähigkeit von Borrelien, der Eliminierung durch das Immunsystem zu entgehen und
möglicherweise auch die Empfindlichkeit gegen (bestimmte) Antibiotika
spezies-abhängig ist.

Pathogenese
Borrelia burgdorferi wird während der
Blutmahlzeit infizierter Zecken auf Mensch und Tier übertragen. Während
der Übertragung verändert der Erreger seine Oberflächenstruktur
(Antigenvariation), was ihm eine optimale Anpassung an die
unterschiedlichen Bedingungen seiner zahlreichen Wirte ermöglicht. Die
Folge ist im menschlichen Körper ein „Nachhinken der Antikörperbildung“,
weshalb das Immunsystem nicht in der Lage ist, zeitnah alle Erreger zu
erkennen und zu eliminieren. (Bykowski et al. 2006)
Schon länger ist bekannt, dass Zecken während ihres Stech- und Saugaktes
schmerzstillende, gerinnungs- und entzündungshemmende Substanzen auf
ihren Wirt übertragen, weshalb der Stich oftmals nicht bemerkt wird. Das
ermöglicht der Zecke eine ungestörte Nahrungsaufnahme und den in ihr
befindlichen Krankheitserregern eine ungehinderte Verbreitung in den
Wirtsorganismus. Eine Forschergruppe der Yale-Universität entdeckte,
dass Borrelia burgdorferi auch ein im Zeckenspeichel vorhandenes Protein
(Salp-15) binden kann. In einer Interaktion von SALP-15 mit dem
Borrelien-OspC (einem Oberflächenprotein) würde der Erreger das
Immunsystem des Wirts austricksen, um sich so seiner Eliminierung zu
entziehen. (Ramamoorthi et al. 2005)
Zunächst breiten sich die Erreger lokal in der Haut aus, was zu dem
typischen Zeichen des Erythema migrans (Wanderröte) führt, das jedoch
nur in etwa der Hälfte der Fälle auftritt. Innerhalb weniger Tage kann
es zu einer Streuung des Erregers über die Lymph- und Blutbahn kommen.
Es wird jedoch davon ausgegangen, dass sich die Spirochäte schon bald
ins Gewebe zurückzieht. (Straubinger et al. 1998). Borrelia burgdorferi
ist zwar ein primär extrazellulärer Erreger. Aber einige Studien zeigen,
dass die Spirochäte an menschlichen Zellen (HUVEC), wie Blutplättchen,
endotheliale Zellen, epitheliale Zelllinien, Fibroblasten und
Lymphozyten haften kann (Adhärenz) und möglicherweise in der Lage ist,
in einige dieser Zellen einzudringen (Invasion). Der Erreger kann so
verschiedene Gewebe des Menschen besiedeln und sich in
„Immunprivilegierten Bereichen" (wie dem Zentralen Nervensystem und den
Gelenken) der Immunantwort entziehen.
Trotz einer Bildung von spezifischen Antikörpern kann es zu
Krankheitssymptomen kommen. Wissenschaftlern aus Frankfurt und
Heidelberg ist in Kooperation mit dem Hans-Knöll-Institut in Jena der
Nachweis gelungen, dass einige Borrelien-Spezies der Immunantwort
entgehen können, indem sie sich als menschliche Zellen tarnen. Sie
binden an ihrer Oberfläche ein menschliches Eiweiß (Faktor H), das
normalerweise körpereigene Zellen vor einem Angriff durch das
Immunsystem schützt. Dadurch ist die körpereigene Abwehr nicht mehr in
der Lage, den feindlichen Eindringling zu erkennen und lässt ihn
unbehelligt. Verantwortlich für eine persistierende Infektion sind
bestimmte Borrelienproteine, wie die Erp-Proteine und die „Complement
Regulator acquiring Surface Proteins“ (CRASPs) (Cordes et al. 2005). Die
bisherige Studienlage weist darauf hin, dass die einzelnen Genospezies
eine unterschiedliche Komplementresistenz aufweisen. (Quelle: Wallich
2006)
Einige Studien weisen darauf hin, dass sich Borrelien unter ungünstigen
Bedingungen (wie einer Antibiotika-Gabe) morphologisch verändern können,
in diesem atypischen Zustand einige Zeit überlebensfähig sind, um sich
anschließen bei Vorliegen günstigerer Bedingungen wieder in lebensfähige
Spirochäten zurück zu verwandeln. (Neubert, Schalller 1994, Preac-Mursic
1996, Gruntar et al. 2001, Murgia et al 2002 und 2004, Rößle 2001) Vor
allem Betalaktam-Antibiotika, wie Penicilline und Cephalosporine stehen
im Verdacht, diese Formen zu begünstigen. Einige Wissenschaftler
erklären, dass bislang kein Beweis für das Vorkommen dieser Formen im
menschlichen Körper (in vivo) erbracht worden sei – und zudem nicht
belegt wäre, dass sie überlebensfähig wären. Andere Wissenschaftler
halten dagegen, dass es keine rationale Begründung dafür gibt, warum
sich der Erreger in Laborversuchen anders verhalten sollte als im
lebenden Organismus und wie dies in Tierversuchen festgestellt worden
sei. Eine zuverlässige Klärung durch weitere Studien steht noch
aus.
Es kann zu längeren asymptomatischen Inkubations- und Latenzphasen mit
einem (erneutem) Ausbruch der Krankheit noch nach Monaten oder Jahren
nach der initialen Infektion kommen. Ob es in Folge einer
Borrelien-Infektion zu autoimmunen Prozessen (mit oder ohne
Erregerpersistenz) kommen kann, ist nach wie vor ungeklärt und wird
deshalb von den Medizinern und Wissenschaftlern kontrovers gesehen.
Obwohl gerade die Klärung dieser Aspekte (unter
Berücksichtigung der europäischen Besonderheiten) sehr wichtig wäre,
führt die Lyme-Borreliose in Deutschland (und auch in der EU) bei der
gesundheitspolitischen Prioritätensetzung und bei der
Forschungsförderung ein ausgesprochenes Schattendasein.
Impfstoff
Es werden in Deutschland verschiedene Borreliose-Impfstoff-Varianten für
Hunde angeboten, deren Wirksamkeit stark umstritten ist.
Der im Jahr 1998 in den USA eingeführte humane Lyme-Borreliose-Impfstoff
Lymerix wurde 2002 vom Hersteller wieder vom Markt genommen. Die Gründe
konnten bislang nicht zuverlässig geklärt werden.
Siehe hierzu:
Jutta Zacharias
Lyme Borreliose - Der Impfstoffskandal
Dez. 2008
Im Rahmen des 6. Forschungsprogramms (FP6)
vergab die Europäische Union 1, 4 Millionen Euro an die Firma Intercell,
um die Koordination von Forschungsaktivitäten zur Entwicklung eines Borreliose-Impfstoffs sowie diagnostischer Marker zu fördern. Intercell
verfügt über die Nutzungsrechte der entsprechenden Ergebnisse. In einem
2008 von der EU publizierten Abschlussbericht sind jedoch keine
konkreten Angaben zum Stand der aktuellen Entwicklungen sowie der
Ergebnisse zu ersehen. Auch in den USA sind mehrere Forschergruppen
dabei, einen Borrelien-Impfstoff zu entwickeln.

Krankheitsbild
Die häufigste Frühmanifestation
der Lyme-Borreliose ist das Erythema migrans (Wanderröte). Amerikanische Studien zeigen, dass sich in
mehr als der Hälfte der unbehandelten Erythema migrans-Fälle eine
Lyme-Arthritis entwickelt. Das Studienmaterial weist darauf hin, dass in
Europa die
häufigste disseminierte Erkrankungsform die Neuroborreliose ist. Diese
Unterschiede könnten durch den Organotropismus der unterschiedlichen
Genospezies in Europa und den USA erklärt werden. Allerdings fehlen auch
in diesem Bereich für Deutschland zuverlässige Daten.
Lyme-Borreliose ist eine multiorganische
Erkrankung, die vom Grunde her alle Organe befallen kann, sich jedoch
vor allem im Bereich der Haut, der Nerven, des Gelenk- und Muskelsystems
und des Herzens manifestiert.
Analog der artverwandten Syphilis
wird
die
Lyme-Borreliose bislang in drei Stadien eingeteilt. Dies kann jedoch nur
ein diagnostisches Hilfskonstrukt darstellen,
da
die Übergänge fließend sein können und nicht alle Stadien auch immer
regelhaft durchlaufen werden. Deshalb wird inzwischen auch zunehmend
eine Einteilung in nur zwei Stadien vorgenommen, wobei der bessere
diagnostische Nutzen fraglich ist.
Einteilung in drei Krankheitsstadien
|
Stadium
|
Haut-Manifestation |
Neuro-
borreliose |
Lyme-
Arthritis |
Weitere
|
|
Frühes lokalisiertes
Stadium I
(nach Tagen bis
Wochen) |
Erythema migrans (EM),
multiple EM,
Lymphadenosis cutis benigna (Lymphozytom),
|
Evtl. Zeitgleich mit EM. |
Evtl. zeitgleich mit EM |
Übergang in disseminiertes Stadium:
Müdigkeit,
Krankheitsgefühl
Fieber |
|
Frühes
disseminiertes Stadium II
(nach
Wochen bis Monaten) |
Teilweise Weiterbestehen von: Erythema migrans, Lymphozytom,
selten auch
sekundäre EM-Läsionen |
isolierte
Hirnnervenlähmung,
Bannwarth-Syndrom mit Radikuloneuritis und
Hirnnervenparesen oder
Dysästhesien,
Enzephalitis,
Radikuloneuropathie,
Plexusneuritis,
Mononeuritis,
Neuro-psychiatrische
Erkrankungen |
Myalgien,
Arthralgien,
Arthritis,
|
Sinnesorgane, u.a.
Konjunktivitis,
Iridozyklitis,
Choroiditis,
Opticus-Neuropathie,
Tinitus,
Kardiale
Manifestationen, u.a.
Reizleiterstörung,
Myokarditis mit
Perikarderguß,
Kardiomyopathie. |
|
Spätes
chronisch persistierendes Stadium III
(nach
Monaten bis Jahren)
|
Acrodermatitis chronica atrophicans
(ACA),
Morphea,
Lichen sklerosis
|
periphere
Neuropathien,
Polyneuropathie (häufig mit ACA)
Enzephalitis,
(sub)akute
Enzephalopathie,
progressive Enzephalomyelitis (ähnlich einer Multiplen Sklerose),
Meningoenzephalitis,
Zerebrale Vaskulitis |
Myalgien
Arthralgien
Mono- oder Oligoarthritis,
Bursitis,
Daktylitis,
Myositis,
Tenosynovitis,
Fasziitis,
Panniculitis,
Osteomyelitis |
Wie oben,
ansonsten aufgrund fehlender Studien unklar |
Anmerkung: Das mögliche
Erkrankungsspektrum der Lyme-Borreliose ist nach wie vor unzureichend
erforscht und bislang auch nicht
abschließend beschrieben und
definiert. Zudem kommen die meisten Studien zum Krankheitsbild und
-verlauf sowie zur Pathogenese
aus dem amerikanischen Raum,
die jedoch aufgrund der Heterogenität der Genospezies nur begrenzt auf Europa übertragbar sind.
Siehe hierzu auch
Lyme-Disease: Symptoms
& Characteristics A compilation of peer-reviewed literature reports.
pdf
(englisch)
M. Magistro:
Bildmaterial zu Zecken, Borrelien und den
Hautmanifestationen (ppt)

Kodierungen nach ICD-10 GM (Internationale Klassifikation der
Krankheiten, German Modification)
• Lyme-Borreliose mit
A 69.2 unter „Sonstige Spirochätenkrankheiten“ als „Lyme-Krankheit,
Erythema chronicum migrans durch Borrelia burgdorferi“ aufgeführt.
Neu ist jedoch:
• „Meningitis bei Lyme-Krankheit“ unter
G 01 „Meningitis bei anderenorts klassifizierten bakteriellen
Krankheiten“, (mit Zusatz A 69.2 zu kodieren)
• „Arthritis bei Lyme-Krankheit“ unter
M 01.2 „Direkte Gelenkinfektionen bei anderenorts klassifizierten
infektiösen und parasitären Krankheiten“,
• und die „Acrodermatitis chronica atrophicans, Herxheimer-Krankheit“
unter
L 90.4 „Atrophische Hautkrankheiten“
• und unter
G 63.0 „Polyneuropathie bei anderenorts klassifizierten
infektiösen und parasitären Krankheiten“ wird „Lyme-Krankheit“ genannt.
(mit Zusatz A 69.2 zu kodieren)
Während die vielfältigen Erkrankungsformen der Syphilis unter einer
einheitlichen Kodierung
A 50 und folgende zu finden sind, ist eine entsprechende Systematik
und Ausdifferenzierung bei der artverwandten Lyme-Borreliose bislang
nicht vorgenommen worden. Selbst einige als typisch geltende
Manifestationen fehlen im IDC 10. Die Erkrankungsformen werden zudem
unter unterschiedlichen Kodierungen aufgeführt. Zudem wird der Begriff "Lyme-Krankheit"
verwendet, obwohl sich die Wissenschaftler und Mediziner bereits vor
vielen Jahren auf die Bezeichnung "Lyme-Borreliose" geeinigt haben. Für
weitere Verwirrungen dürfte sorgen, dass mit der Bezeichnung "Lyme-Krankheit,
Erythema migrans durch Borrelia burgdorferi" der Eindruck erweckt wird,
es müsste jeder Erkrankung eine Wanderröte vorausgehen, was jedoch nur
bei etwa der Hälfte der Fall ist.

Diagnostik
Die Diagnose „Lyme
Borreliose“ wird gestellt, wenn eine Infektion mit Borrelia
burgdorferi stattgefunden hat und dadurch eine Erkrankung verursacht
wird. In der Fachliteratur wird häufig angegeben, dass die Diagnose
primär aufgrund des klinischen Bildes und Krankheitsverlaufs vorgenommen
und die Labordiagnostik unterstützend eingesetzt werden soll. Allerdings
hört sich das in der Theorie einfacher an als es in der Praxis häufig
ist.
Die
Diagnostik basiert vor allem auf folgenden Säulen:
-
ein mit einer Lyme
Borreliose vereinbares Krankheitsbild;
-
positive
serologische Befunde (in der Regel durch ELISA als Suchtest und bei
positiven oder grenzwertigen Befunden die Durchführung eines Immuno-
bzw. Westernblot als Bestätigungstest im Rahmen einer sogen.
Zweistufen-Diagnostik) und/oder positive Befunde durch Borrelien-PCR
oder Kultur;
-
bei
Verdacht auf eine Neuroborreliose positive Befunde im Liquor
(insbesondere intrathekale Antikörper, Pleozytose, Schrankenstörung);
sowie
zusätzlichen Kriterien
-
Zeckenexposition;
-
möglich,
aber nicht regelhaft: Leukozytose mit Linksverschiebung, BSG-Erhöhung,
normochrome Anämie, Erhöhung der Leberwerte, Blut und Eiweiß im Harn,
zirkulierende Immunkomplexe, Kryoglobuline usw.
-
bei
Unklarheiten Ausschluss anderer Erkrankungen (insbesondere anderer
Infektionserreger);
-
ggf.
Ansprechen auf einen probatorischen Behandlungsversuch mit
Antibiotika.
Von einigen
medizinischen Fachgesellschaften wurden
Falldefinitionen entwickelt, indem die einzelnen Krankheitsformen (je
nach Stadium) in Verbindung zu den zu erwartenden Laborbefunden
gesetzt werden. Je nach Befunden und deren Interpretation wird in
einigen Fachpublikationen auch eine Einteilung in "gesicherte",
"wahrscheinliche" und "mögliche" Lyme-Borreliose vorgenommen. Die
Grundlagen und Kriterien für diese Falldefinitionen sind jedoch unter
den Wissenschaftlern und Medizinern strittig.
Denn je enger die
Kriterien gefasst werden, um so höher ist die Gefahr von falsch
negativen Befunden. Je weiter sie definiert werden, um so größer ist
die Wahrscheinlichkeit von falsch positiven Diagnosen.

Eine diagnostische Einschätzung aufgrund
des klinischen Bildes und des Krankheitsverlaufs kann sich schwierig
gestalten, da eine Infektion mit Borrelia burgdorferi
zahlreiche Erkrankungsformen verursachen kann wie sie auch bei Krankheiten anderer Ursache vorkommen,
die Symptomatik im Verlauf wechselhaft sein kann - und längere
symptomfreie Inkubations- und Latenzphasen mit einem (erneuten)
Ausbruch der Krankheit nach Monaten oder sogar Jahren möglich sind.
Die Borrelien-Labordiagnostik ist bislang in Deutschland weder
genehmigungs- noch überprüfungspflichtig. Auch besteht keine
Teilnahmepflicht an Ringversuchen. So sind
zig verschiedene Tests mit einer unterschiedlichen
Sensitivität und Spezifität auf dem Markt. Es kann deshalb sein, dass
ein Patient in einem Labor positive und in einem anderen negative
Ergebnisse aufweist. Falsch positive und falsch negative
Laborergebnisse sind jedoch nicht ohne "Nebenwirkungen", wenn auf
dieser Grundlage eine Diagnose gestellt und eine darauf basierende Therapie vorgenommen
wird.
Je
spezifischer ein Test ist, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass
es sich auch tatsächlich um ein korrektes Ergebnis handelt und nicht um
einen falsch positiven Befund. Allerdings gestaltet es sich auch bei
einer gesicherten Ausgangsdiagnose häufig schwierig, den Erfolg einer
Antibiotika-Behandlung festzustellen. Denn hierfür sind die in der
Routinediagnostik primär eingesetzten Tests zum
Antikörpernachweis (wie ELISA und Western- bzw. Immunoblot) nicht
geeignet. Methoden zum Nachweis einer Erregeraktivität kommen jedoch
häufig auch dann in der Routinediagnostik nicht zur Anwendung, wenn
diese angezeigt wäre.
Je sensitiver ein Test ist, um so
geringer ist die Gefahr, dass eine erfolgte Infektion übersehen wird.
Eine hohe Sensitivität geht jedoch bei der Borrelien-Serologie häufig
auf Kosten der Spezifität und umgekehrt.

Borrelien-Serologie
(ELISA, Immunoblot)
In der Routinediagnostik kommen
insbesondere folgende Labormethoden zum Einsatz:
-
ELISA, EIA (Enzymimmunoassay) zur Feststellung der Antikörper,
die sich gegen den Erreger gebildet haben, teilweise IFT (indirekter
Immunfluoreszenztest),
-
Immunoblot (auch Westernblot genannt), mit dem festgestellt
wird, gegen welche Borrelien-Bestandteile (Proteine) Antikörper
gebildet worden sind. Diese zeigen sich in sogen. Banden.
Empfohlen
wird im
MIQ Lyme Borreliose
eine sogen. Stufendiagnostik, d.h. es soll erst mit einem
sensitiven ELISA getestet werden. Zur Bestätigung wird bei positiven
oder grenzwertigen Ergebnissen eine weitere Testung mit einem Immunoblot
empfohlen, der als spezifischer gilt. Voraussetzung für dieses Vorgehen
wäre allerdings, dass der verwendete ELISA tatsächlich genügend sensitiv
ist, was jedoch aufgrund einer mangelnden Standardisierung der
Borrelien-Serologie nicht sicher gestellt ist.
In der
Frühphase ist die Serologie meist noch negativ, da das Immunsystem
einige Zeit benötigt bis es den Erreger erkennt und Antikörper bildet.
Entsprechende Studien belegen, dass viele serologische Tests in der
frühen Krankheitsphase lediglich eine Sensitivität von unter 50%
aufweisen. In der Fachliteratur
wird die Sensitivität für das II. Stadium mit 70% bis 90 % und für das
späte disseminierte III. Stadium mit 90% bis 100% angegeben (vgl. MIQ
Lyme Borreliose 2000/12). Solche pauschalen
Angaben sind jedoch schon allein aufgrund einer mangelnden
Standardisierung und fehlenden Kontrolle eigentlich nicht möglich.
Idealtypisch zeigen sich bei einer
frischen Borrelien-Infektion erst Antikörper gegen IgM (Immunglobulin M)
und im späteren Verlauf gegen IgG. Es wird davon ausgegangen, dass
IgG monate- oder sogar jahrelang nach einer ausgeheilten Lyme-Borreliose
vorhanden sein kann.
Bei vielen
Infektionskrankheiten gilt das Auftreten von IgM als Hinweis auf eine
Erregeraktivität.
Bei der Lyme-Borreliose
sind hier die Einschätzungen allerdings unterschiedlich. Während einige Mikrobiologen davon ausgehen, dass
auch eine monate- bis jahrelange Persistenz der IgM-Antikörper trotz
Erregereliminierung möglich ist, sind andere der Meinung, das wäre nur
der Fall, wenn eine persistierende Infektion vorliegt.
Mit serologischen
Methoden können nur die Antikörper nachgewiesen werden, die sich in der
Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Erreger gebildet haben. Eine
Einschätzung, ob es sich bei einem positiven Befund um eine Seronarbe
aufgrund einer ausgeheilten Infektion oder um eine akute und deshalb
therapiebedürftige Lyme-Borreliose handelt, ist damit im frühen Stadium
eingeschränkt und im weiteren Verlauf nicht möglich. Diese Methoden sind
deshalb auch nicht geeignet, den Therapieerfolg zu kontrollieren.
Falsch
positive Ergebnisse sind möglich durch
-
Kreuzreaktionen bzw. eine polyklonale
Immunstimmulierung durch andere Erreger, wie insbesondere andere
Spirochäten (Treponema pallidum, Treponema denticola, Leptospiren
usw.) sowie Erregern der Herpesgruppe (EBV, CMV usw.) (MIQ Lyme
Borreliose 2000/12).
Falsch negative Ergebnisse sind
möglich:
-
wenn nicht alle relevanten Antigene,
die im lebenden Körper exprimiert werden (in vivo), im Test-Kit
berücksichtigt werden;
-
wenn nicht alle in der jeweiligen
Region vorkommenden Genospezies und Subtypen einbezogen und deshalb
die genotyp-spezifischen Antikörper nicht erfasst werden;
-
da bei
früher Antibiotikagabe die Immunantwort unterbunden werden und die
Serologie komplett negativ sein oder ein IgM-/IgG-Switch ausbleiben
kann (Preac-Mursic 1996);
-
durch
Persistenz- und Tarnmechanismen des Erregers;
-
durch
eine Immunsuppression oder –defizit (Harrer
et al. 2007) sowie Behandlungen mit immunsuppressiv wirkenden
Medikamenten (Bergmann et al. 1998);
-
da es
bei Vorliegen einer Neuroborreliose
sein kann, dass keine Antikörperbildung im Serum nachweisbar ist
sondern nur im Liquor (Eldøen et al. 2001).
Falsch negative oder positive Befunde
sind möglich:
-
durch Präparations-, Auswertungs- und
Interpretationsfehler, z.B. durch die serologische Technik bei den
verschiedenen Testverfahren, Verwendung verschiedener Borrelien-Stämme
als Testantigene, durch die Antigenpräparation oder die Vorbehandlung
der Seren (z.B. häufige Subkultivierung der Antigene).
(Hummler B. 2001, Eckmüller I. 2003)
-
durch
eine zu niedrige oder zu hohe Cut-Off-Definition (Festlegung des
Grenzwertes). Hier werden je
nach Test unterschiedliche Werte zwischen 3% bis 10% zugrunde gelegt.
Eine österreichische Studie hat ergeben,
dass serologische Kontrollen keine Beurteilung der Effektivität der
Antibiotika-Behandlung zulassen. (Glatz et al., 2003).

Kultur (Anzucht
des Erregers)
Der diagnostische
„Goldstandard“ im Bereich der Infektiologie ist der Erregernachweis
mittels Anzüchtung in einem Kulturmedium. Eine Kultivierung von
Borrelia burgdorferi ist jedoch nicht nur sehr aufwendig und
zeitintensiv, sondern gelingt auch nicht immer. In der Routinediagnostik
wird diese Methode in der Regel nicht durchgeführt, sondern nur von
einigen wenigen Speziallabors vorgenommen.
PCR (Polymerase
Chain Reaction)
Eine alternative Methode
zur Feststellung einer Erregeraktivität ist die PCR, mit der die DNA
(Erbgut) des Erregers nachgewiesen werden kann. Dieses Verfahren weist
jedoch ebenso wie die Kultur bei der Lyme-Borreliose bei einer guten
Spezifität immer noch eine zu geringe Sensitivität auf. Lt.
Fachliteratur beträgt die Trefferquote der Borrelien-PCR für den Liquor
nur etwa 10% -30%, bei der Lyme-Arthritis (Synovialmembran oder
Synovialflüssigkeit) und bei einem Erythema migrans oder einer
Acrodermatitis chronica atrophicans (Hautbiopsie) etwa 50% bis 80%.
Die Eignung der PCR
aus Blut bzw. Serum und Urin ist in der Fachliteratur strittig.
Die Spezifität der PCR
wird unterschiedlich eingeschätzt. Kritiker dieser Methode führen häufig
an, dass es aufgrund einer mangelnden Unterscheidung zwischen bereits
abgestorbenen und noch lebenden Erregern zu falsch positiven Ergebnissen
kommen kann. In Versuchsstudien mit Tieren wurde jedoch festgestellt,
dass sich die DNA von abgestorbenen Borrelien nur eine gewisse Zeit
(etwa vier bis sechs Wochen?) nachweisen lässt. Das bedeutet, wenn eine
Testung in einem genügend großen Abstand zur Therapie vorgenommen wird,
ist das Risiko falsch positiver Ergebnisse sehr gering.
Obwohl mit der PCR zumindest bei einem
Teil der unklaren Fälle ein Erregernachweis geführt werden könnte, kommt
sie meist in der Routinediagnostik nicht zur Anwendung. Es sind zudem
unterschiedliche PCR-Verfahren auf dem Markt, die nicht standardisiert
sind, weshalb eine Einschätzung der jeweiligen Qualität nicht möglich
ist.

FFM (Focus Floating
Microscopy)
Die Focus
Floating Microscopy (FFM) wurde
von Mitarbeitern der Universität Innsbruck entwickelt. FFM ist nach
Angaben der Studiengruppe eine
wesentliche Verbesserung älterer immunhistochemischer Verfahren für den
direkten Nachweis von Borrelien in Gewebebiopsaten bei Hauterkrankungen
der Lyme-Borreliose (Erythema migrans, ACA, Morphea und Lichen
Sklerose). Dieses Verfahren wurde im Vergleich zur PCR evaluiert - und
zeigte hier bessere Ergebnisse hinsichtlich der Sensitivität und
Spezifität. Die Grundlagen sind nicht patentiert und können deshalb von
jedem Labor durchgeführt werden. Das Verfahren hat jedoch bislang noch
keinen Eingang in die Routinediagnostik gefunden. (Eisendle
et al.
Focus floating
microscopy: "gold standard" for cutaneous borreliosis?
2007)

Weitere Laborverfahren
Einige
Labors bieten einen Borrelien-Lymphozyten-Transformations-Test
(LTT) an. Mit diesem Verfahren soll eine Erregeraktivität
festgestellt werden können, indem
die Aktivierung und anschließende Vermehrung sensibilisierter
Patienten-Lymphozyten in Laborkulturen nach Inkubation mit
Borrelien-Antigenen gemessen wird. Da zwischenzeitlich einige
verschiedene LTTs auf dem Markt sind, kann über die jeweilige
Sensitivität und Spezifität keine pauschale Aussage getroffen werden.
(Bähr
et al. Untersuchungen zur
diagnostischen Wertigkeit des Lymphozytentransformations-testes bei
Patienten mit Borreliose / Evaluation of the diagnostic significance of
the lymphocyte proliferation test in patients with Lyme borreliosis
2007)
Beim
CD-57-Test
wird davon ausgegangen, dass eine chronische Borrelien-Infektion zu
einer Unterdrückung der Immunantwort führt, was an einem erniedrigten
Anteil von CD57-positiver Killerzellen ablesbar wäre. Dieser Test kommt
aus den USA. Seine Wertigkeit ist jedoch umstritten. (Stricker
et al. Decreased CD57 lymphocyte
subset in patients with chronic Lyme disease 2000)
Der Elispot
(Enzym-linked immunospot Assay)
ist ein Verfahren, mit dem
die Freisetzung von Zytokinen nach Kontakt mit spezifischen
Borrelien-Antigenen festgestellt werden soll. Es wird angegeben, dass
damit die T-Zell-Reaktionen gegen Borrelien mit einer höheren Spezifität
als beim LTT nachgewiesen werden könnte. Allerdings wird dies von den
Befürwortern des LTT bestritten, die ihrerseits anführen, dass der
Elispot nicht genügend validiert wäre.
Die
möglichen Fehlerquellen von LTT, CD-57 und Elispot sind ähnlich wie bei
der Serologie, weshalb ihr zusätzlicher Nutzen beim Nachweis einer
erfolgten Infektion strittig ist. Da von den Anbietern dieser
Tests jedoch angegeben wird, es könnte damit eine Erregeraktivität mit
hoher Wahrscheinlichkeit sowohl festgestellt wie auch ausgeschlossen
werden, müsste dies aufgrund eines Vergleichs mit positiven Kulturproben
bzw. alternativ positiven PCR-Proben belegt werden. Dies ist bislang
jedoch noch nicht erfolgt. Diese Tests sind in der Regel keine
Kassenleistung.

Therapie
Willy Burgdorfer, der
Entdecker von Borrelia burgdorferi, erklärte im Jahr 2001: "Wir wissen,
dass die Lyme-Borreliose Antibiotika widerstehen kann. Zu sagen, jemand
sei geheilt, weil er eine bestimmte Menge Antibiotika erhalten habe, ist
Unsinn".
Die Lyme-Borreliose
ist vom Grunde her mit Antibiotika heilbar, vorausgesetzt sie wird
rechtzeitig erkannt und ausreichend behandelt. Da jedoch zuverlässige
Therapiemarker fehlen, mit denen eine Heilung im Sinne einer
Erregereliminierung mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit
festgestellt werden kann, ist auch das Studienmaterial zur Behandlung
unzureichend und in den Ergebnissen diskrepant.
Seit Anfang der 90er Jahre streiten sich
Mediziner und Wissenschaftler darüber, wie eine optimale Antibiotika-Behandlung
aussehen muss, um eine komplette Erregereliminierung zu erreichen.
Gegenstand der medizinischen Kontroversen sind:
-
die Wahl des Antibiotikums,
-
die Dosierung und Dauer der Therapie
-
und die notwendigen
Behandlungswiederholungen bei Therapieversagern
je nach Krankheitsmanifestationen und Stadium. Siehe
hierzu die nachfolgenden Ausführungen sowie die jeweiligen Angaben der
medizinischen Fachgesellschaften zur Therapie.
Dass eine Erregerpersistenz trotz der üblichen 14tägigen bis
vierwöchigen Antibiotika-Therapien möglich ist, konnte durch
zahlreiche Studien belegt werden. (u.a. Priem et al. 1997, Limbach et
al. 2000, Steere et al. 1994 und 2004, Weber et al. 1996, Oksi et al.
1999; Straubinger et al. 1997 und 2000, Bentas et al. 2000, Georgilis
1992, Nanagara 1996, MacDonald 1990, Klempner 1993, Barthold et al.
2008).
Während einige Mediziner und Wissenschaftler die Therapieversager je
nach Erkrankungsform und Stadium mit durchschnittlich etwa 10% bis 20%
angeben, sind andere der Meinung, dass sie bei etwa 50% liegt.
Allerdings wird davon ausgegangen, dass die Krankheit im früh
lokalisierten Stadium noch besser auf Antibiotika anspricht als im
späteren Verlauf.
Es stellt sich vor allem auch die Frage, ob die häufig bei der
Lyme-Borreliose verwendeten Betalaktam-Antibiotika tatsächlich optimal
zur Behandlung der Lyme-Borreliose geeignet sind.
1. Studien in vitro (im Labor) zeigen, dass Borrelien in der Lage
sind, sich unter ungünstigen Bedingungen (wie einer Antibiotika-Gabe)
morphologisch zu verändern, in diesem Zustand einige Zeit
überlebensfähig sind, um sich anschließend bei Vorliegen günstigerer
Bedingungen wieder in ihre ursprüngliche Form zurückzuverwandeln.
(Neubert, Schaller 1994,
Preac Mursic 1996,
Gruntar
et al. 2001,
Murgia et al. 2002 u. 2004,
Miklossy, 2008)
Diese Veränderungen wurden insbesondere unter Gabe von
Betalaktam-Antibiotika beobachtet.
RK. Straubinger
stellte fest, dass Borrelien eine Antibiotika-Gabe überleben können,
indem sie ihre ursprüngliche längliche Gestalt in eine Kugelform
verwandeln und sich damit in eine Ruheform begeben, in der sie ihren
Stoffwechsel sowie die Teilung einstellen und nicht mehr
bewegungsfähig wären. Diese Kugelformen von Borrelien wurden auch von
B. Rössle im Rahmen einer Dissertationsarbeit untersucht. Sie stellte
aufgrund von Laborversuchen fest, dass diese Borrelienformen zwar
weiterhin einige immundominante Oberflächenproteine (vor allem OspC,
Osp17, Osp35) aufweisen würden, aber durch eine starke Reduktion der
Oberfläche die Angriffsfläche für Antikörper deutlich reduziert wäre.
Dabei sei jedoch ungeklärt, ob die Oberflächenproteine auch in vivo so
exprimiert werden wie es bei diesem Laborversuch festgestellt worden
ist. (Rössle, 2001)
Einige Wissenschaftler geben an, dass bislang
kein Beweis für das Vorkommen dieser Formen im menschlichen Körper und
ihre Überlebensfähigkeit erbracht worden wäre.
Andere Wissenschaftler halten dagegen, dass
es keine rationale Begründung dafür gibt, warum sich der Erreger in
Laborversuchen anders verhalten sollte als im lebenden Organismus und
wie dies in Tierversuchen festgestellt worden sei. Zudem wären diese
Formen auch aus menschlichem Material nach Antibiotika-Gabe isoliert
worden.
2.
Girschick et al. stellten bereits 1996 durch
in vitro-Versuche fest, dass Borrelia burgdorferi in der Lage ist,
intrazellulär zu persistieren - und eine Behandlung mit Ceftriaxon nur
zu einer Eliminierung der extrazellulären, aber nicht der
intrazellulären Erreger führt. Klempner et al. veröffentlichten 1992
eine Studie, als deren Ergebnis angegeben wird, dass die Borrelien in
Fibroblasten gegen 14 Tage Ceftriaxon geschützt wären. Roult et al.
zeigten, dass intrazellulär persistierende Borrelien zwar vor
Penizillin und Ceftriaxon geschützt sind, aber nicht vor gut
intrazellulär wirksamen Antibiotika, wie Doxycyclin und Erythromycin.
3. Ceftriaxon,
Cefotaxim und Penicillin G werden per Venenkatheter verabreicht,
wodurch die Gefahr einer Superinfektion mit anderen gefährlichen
Keimen sowie einer Biofilmbildung besteht (Fätkenheuer et al.) Durch
Antibiotika-Behandlungen kann es zur Ausbildung einer Enterokolitis
kommen, die u.a. häufig von Clostridium difficile verursacht wird.
Es wurden in der
Vergangenheit Fälle publiziert, bei denen eine Lyme-Borreliose
diagnostiziert worden sei und es aufgrund einer Behandlung mit
Ceftriaxon bzw. Cefotaxim zu schweren Nebenwirkungen, wie u.a. einer
gefährlichen Clostridium- oder Candida-Übersiedlung, gekommen wäre,
wobei sich bei Nachuntersuchungen herausgestellt hätte, dass diese
Patienten an keiner Lyme-Borreliose gelitten hätten.
(Nadelmann et al. 1990, Patel et
al. 2000)
4. Betalaktam-Antibiotika
wirken nicht bei möglichen weiteren durch Zecken übertragenen
Bakterien-Infektionen. Humanpathogene Rickettsienarten und Anaplasmen
wurde in Deutschland bzw. den umliegenden Staaten nachgewiesen.
(Baumgarten 2000) Studien in Süddeutschland haben z.B. ergeben, dass
1,6 bis 4% der adulten Zecken mit Ehrlichien (Anaplasmen) sowie
weiteren humanpathogenen Rickettsien-Arten durchseucht sind. Bislang
wird jedoch meist kein Screening auf diese Bakteri-en-Infektionen
vorgenommen. Zur Behandlung werden Tetrazykline empfohlen. Betalaktam-Antibiotika
gelten bei diesen Erregern als ungeeignet.
5. Es besteht seit vielen Jahren der Verdacht,
dass die verschiedenen Borrelia-Genospezies unterschiedlich auf
Antibiotika ansprechen könnten. Eine gezielte und systematische
Abklärung ist jedoch bislang in diesem Bereich nicht erfolgt.
Die Lyme-Borreliose ist eine vom Grunde her mit Antibiotika heilbare
Krankheit, vorausgesetzt sie wird rechtzeitig erkannt und ausreichend
mit einem wirksamen Antibiotikum behandelt. Wird eine Infektion mit
Borrelia burgdorferi als Ursache für eine Erkrankung nicht erkannt
oder wird sie trotz korrekter Diagnose nicht optimal mit Antibiotika
behandelt, so wird nicht nur ein Fortschreiten der Erkrankung
riskiert, sondern es können bei einem längeren Infektionsprozess auch
Organschädigungen entstehen, die sich nur langsam zurückbilden oder
auch irreversibel sein können.
Obwohl den Wissenschaftlern,
den Laboren, der Ärzteschaft und den
gesundheitspolitisch Verantwortlichen seit vielen Jahren die
bestehende Misere im Bereich der Diagnostik, Behadlung und
Therapiekontrolle dieser Infektionskrankheit bestens
bekannt ist, werden die dringend notwendigen Verbesserungen in diesem
Bereich entweder gar nicht, mit großer Verzögerung oder nur halbherzig
vorgenommen.

Medizinische Kontroversen
Vor diesem Hintergrund bestehen seit mehr als
einem Jahrzehnt umfangreiche medizinische Kontroversen über die
Pathogenese, das Krankheitsbild und den Verlauf sowie über eine optimale
Prävention, Diagnose, Behandlung und Therapiekontrolle dieser Krankheit,
die in den USA seit Anfang der 90er Jahre zu massiven öffentlichen
Auseinandersetzungen mit zum Teil krimihaften Zügen führen.
Einen erheblichen Einfluss auf die ärztliche und
öffentliche Meinungsbildung zur Lyme-Borreliose haben Mediziner und
Wissenschaftler, die in die Entwicklung von präventiven, diagnostischen
und therapeutischen Grundlagen involviert sind, häufig in den Fachmedien
publizieren sowie in der Forschung und Lehre tätig sind. Sie geben an,
dass die Krankheit mit den von ihnen entwickelten und empfohlenen
Labormethoden und Falldefinitionen problemlos zu diagnostizieren und mit
14tägigen bis höchstens vierwöchigen Antibiotika-Behandlungen in der
Regel gut kuriert werden könnte, aber auch ohne eine solche Therapie
meist folgenlos ausheilen würde. Ein Fortschreiten der Krankheit und
damit verbundene Chronifizierungen wären deshalb sehr selten. Häufigere
und längere Antibiotika-Behandlungen werden von ihnen mit der Begründung
abgelehnt, dass diese zu schweren Nebenwirkungen sowie zu Resistenzen
führen könnten, wobei ihr Nutzen nicht belegt sei. Sie geben an, dass
Ärzte, die eine
andere Meinung vertreten, die Krankheit "überdiagnostizieren" und
"übertherapieren" und damit eine "Hysterie" auslösen
würden.
USA
IDSA (Infectious
Diseases Society of America)
Practice
guidelines for clinical assessment, treatment and prevention of Lyme
disease, human granulocytic anaplasmosis, and babesiosis
2006
AAN
(American Academy of Neurology)
Practice Parameter: Treatment of nervous system Lyme disease (an
evidence-based review): Report of the Quality Standards Subcommittee
of the American Academy of Neurology
2007
Deutschland
In Deutschland wird eine Leitlinien-Entwicklung in
der Regel im Rahmen der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlich Medizinischen Fachgesellschaften) vorgenommen,
wobei es bislang keine Gesamt-Leitlinie zur Lyme-Borreliose, sondern
nur Empfehlungen zu Teilaspekten dieser Krankheit gibt.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)
Neuroborreliose, Version 2008
(AWMF-Leitlinie,
Entwicklungsstufe I)
Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)
Kutane Manifestationen der Lyme Borreliose 2009
(AWMF-Leitlinie,
Entwicklungsstufe I)
Bei
einer Leitlinien mit der Entwicklungsstufe I handelt es sich um eine
„von einer repräsentativ zusammengesetzten Expertengruppe einer
Fachgesellschaft im informellen Konsens erarbeitete Empfehlung, die
vom Vorstand der medizinischen Fachgesellschaft verabschiedet
wurde“.
Eine von diesen Fachgesellschaften abweichende
Meinung vertreten praktisch tätige und auf die Lyme-Borreliose spezialisierte Ärzte, die
angeben, dass es sich bei der Lyme-Borreliose um eine komplexe und zur Chronifizierung
neigende Erkrankung handelt. Sie geben an, dass es mit den von den
meinungsführenden Wissenschaftlern entwickelten Labortests und
Diagnosekriterien zu einem hohen Anteil von falsch negativen Befunden
kommen würde, weshalb zusätzliche Labor-Methoden und weiter gefassten
Falldefinitionen verwendet werden müssten. Des Weiteren sind sie der
Meinung, dass es mit den üblichen
14tägigen bis höchstens vierwöchigen Antibiotika-Behandlungen zu einem
nicht unerheblichen Teil von Therapieversagern kommt, weshalb die
Behandlung nicht auf vier Wochen limitiert, sondern analog anderer
schwerer bakterieller Infektionskrankheiten über einen längeren Zeitraum
durchgeführt werden sollte, vor allem wenn zuvor kürzere Therapien
versagt haben. Chronische Verläufe und damit verbundene Spätschäden
wären bei Einhaltung der von den meinungsführenden Wissenschaftlern und
Medizinern entwickelten Empfehlungen zur Diagnose und Therapie häufig.
ILADS
(International Lyme And Associated Diseases Society)
Evidence-based guidelines for the management of Lyme disease 2005
Deutsche
Borreliose-Gesellschaft (DBG)
Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose,
2008

Siehe hierzu auch
Korruptionsaffäre:
IDSA-Leitlinie Lyme-Borreliose und weiteren durch Zecken
übertragbaren Krankheiten 2009
Lyme Disease
Review Panel Hearing WEBCAST (Statments auf dem Hearing zur
IDSA-Borreliose-Leitlinien-Affäre)
30.7.2009
David
Volkman, Ph.D., M.D. Emeritus Professor of Medicine and Pediatrics
SUNY, Stony Brook,
NY Comments: Regarding Lyme disease (LD) treatment
recommendations
(pdf) 2009
Jutta Zacharias
Mediziner verschleiern die
Probleme und behaupten eine Evidenz, die fehlt
2008
(Stellungnahme zum Artikel in Ars Medici
Die chronische Lyme-Borreliose - eine erfundene Infektionskrankheit? )
Thomas Talaska und Andreas Krause
Lyme-Borreliose – mehr Probleme als Lösungen?
2005
Walter Berghoff
Stellungnahme zu Lyme-Borreliose – Aktueller Kenntnisstand
Febr.
2009
(zum Artikel im Ärzteblatt
R. Nau, HJ
Christen, H Eiffert Lyme-Borreliose – Aktueller Kenntnisstand)
Bundesverband Zecken-Krankheiten
Gesundheitspolitische Forderungen: Lyme-Borreliose,
2005

Gesundheitspolitisches
Deutschland
Antrag im
Bayerischen Landtag: Informationen zur Lyme-Borreliose
23.12.2009
Antrag und
Antwort Landtag Baden Württemberg: Ausbreitung von Zecken
18.8.2009
Europa
EU-Antrag betrifft:
Orphanet-Datenbank für seltene Krankheiten — Lyme-Borreliose
(ORPHA91546)
und
Antwort von
Frau Vassiliou im Namen der EU-Kommission
Sept. 2009

Presse
Spiegel
online: Wachsende Gefahr 10.12.2009
SWR
Panikmache bei Zeckenschutzimpfungen 4.6.2009
Süddeutschen Zeitung vom 15.5.2009:
Teil 1
Das umkämpfte Leiden
Teil 2
Zwischen den Fronten des
Borreliose-Kriegs
Christian Weymayr
Im Supermarkt der Superkräuter Februar 2009
Spiegel
online:
Die Vertuscher (auch Dokumentation
eines Lyme-Borreliose-Falls) 15.9.2008
ZDF
Hilflose Kranke - ratlose Ärzte
2004
Lausitzer Rundschau
Zecken werden immer gefährlicher
2007
Sächsische Zeitung
Zeckenalarm - Ganz Sachsen ist
betroffen 2006

|
 |
 |
 |
 |
| |
| |
|
|