Lyme Borreliose

Lyme Borreliose: Kontroversen

 

Vor dem Hintergrund eines diagnostischen und therapeutischen Dilemmas sowie zahlreicher ungeklärter Fragen bezüglich der Pathogenese und des Krankheitsbildes und -verlaufs gibt es seit vielen Jahren medizinische Kontroversen zu fast allen wesentlichen Aspekten der Lyme-Borreliose.

 

Auf der einen Seite stehen Mediziner und Wissenschaftler aus dem universitären Bereich, die einen erheblichen Einfluss auf die ärztliche und öffentliche Meinungsbildung zur Lyme-Borreliose haben, da sie Forschung und Lehre betreiben, in die Entwicklung von präventiven, diagnostischen und therapeutischen Grundlagen involviert sind, häufig in den Fachmedien publizieren, maßgeblich die Inhalte der Aus- und Fortbildung von Medizinern sowie die Leitlinien-Entwicklung beeinflussen und  auch bei medizin-rechtlichen Versicherungs- und Haftungsfragen oftmals als Gutachter benannt werden. Sie sind der Meinung, dass die Lyme-Borreliose mit den von ihnen entwickelten und empfohlenen Labormethoden und Falldefinitionen problemlos zu diagnostizieren und mit 14tägigen bis höchstens vierwöchigen Antibiotika-Behandlungen in der Regel gut geheilt werden könnte, aber auch ohne eine solche Therapie meist folgenlos ausheilen würde. Ein Fortschreiten der Krankheit und damit verbundene Chronifizierungen wären deshalb sehr selten. Häufigere und längere Antibiotika-Behandlungen werden von ihnen mit der Begründung abgelehnt, dass diese zu schweren Nebenwirkungen sowie zu Resistenzen führen könnten, aber ihr Nutzen nicht belegt sei.

 

USA

 

IDSA (Infectious Diseases Society of America)

Practice guidelines for clinical assessment, treatment and prevention of Lyme disease, human granulocytic anaplasmosis, and babesiosis 2006

 

AAN (American Academy of Neurology)

Practice Parameter: Treatment of nervous system Lyme disease (an evidence-based review): Report of the Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology 2007

 

Deutschland

 

In Deutschland wird eine Leitlinien-Entwicklung in der Regel im Rahmen der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich Medizinischen Fachgesellschaften) vorgenommen, wobei es bislang keine Gesamt-Leitlinie zur Lyme-Borreliose, sondern nur Empfehlungen zu Teilaspekten dieser Krankheit gibt.

 

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Neuroborreliose, Version 2008 (AWMF-Leitlinie, Entwicklungsstufe I)

 

Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)

Kutane Manifestationen der Lyme Borreliose 2009 (AWMF-Leitlinie, Entwicklungsstufe I)

 

Bei einer Leitlinie mit der Entwicklungsstufe I handelt es sich um eine „von einer repräsentativ zusammengesetzten Expertengruppe einer Fachgesellschaft im informellen Konsens erarbeitete Empfehlung, die vom Vorstand der medizinischen Fachgesellschaft verabschiedet wurde“. Die beiden o.a. "Leitlinien" lehnen sich bei ihren Angaben zur Diagnose und Therapie eng an die der IDSA und AAN an. An der Erstellung der IDSA-Leitlinie waren zwei europäische Wissenschaftler beteiligt und es wird auch auf einige europäische Besonderheiten eingegangen.

 

Aufgrund der in Europa vorkommenden vielfältigeren Genospezies wurden jedoch bei den beiden deutschen Empfehlungen einige Modifikationen vorgenommen. Das betrifft vor allem die Labordiagnostik, die Definition des Krankheitsbildes und -verlaufs sowie teilweise auch die Pathogenese. Des Weiteren finden die Erklärungsmuster der amerikanischen Wissenschaftler, dass Therapieversager bei der Lyme-Arthritis auf eine Autoimmunität zurückzuführen wären, in Europa keine ungeteilte Zustimmung. Siehe hierzu auch Lyme Borreliose - Der Impfstoffskandal, Dez 2008

 

Patientenorganisationen wurden bei der Erstellung der beiden AWMF-"Leitlinien" nicht beteiligt.

 

Auf der anderen Seite stehen (überwiegend) praktisch tätige und auf die Lyme-Borreliose spezialisierte Mediziner, die der Meinung sind, dass es sich bei dieser Infektionskrankheit um eine komplexe, nicht leicht zu diagnostizierende und zu therapierende Infektionskrankheit handelt, die zudem zur Chronifizierung neigt. Sie vertreten die Position, dass es mit den von den meinungsführenden Wissenschaftlern entwickelten Labortests und Diagnosekriterien zu einem hohen Anteil von falsch negativen Ergebnissen kommen würde, weshalb zusätzliche Labor-Methoden und weiter gefassten Falldefinitionen verwendet werden müssten. Zudem sind sie der Meinung, dass es mit den üblichen 14tägigen bis höchstens vierwöchigen Antibiotika-Behandlungen zu einem nicht unerheblichen Teil von Therapieversagern kommt, weshalb die Behandlung nicht limitiert, sondern analog anderer schwerer bakterieller Infektionskrankheiten über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden sollte, vor allem wenn zuvor kürzere Therapien versagt haben. Chronische Verläufe und damit verbundene Spätschäden wären bei Einhaltung der von den meinungsführenden Wissenschaftlern und Medizinern entwickelten Empfehlungen häufig.

 

USA

 

ILADS (International Lyme And Associated Diseases Society)

Evidence-based guidelines for the management of Lyme disease 2005

 

Deutschland

 

Deutsche Borreliose-Gesellschaft (DBG)

Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose,2008

 

Die Empfehlung der DBG wurde nicht im Rahmen der AWMF-Leitlinien-Entwicklung erstellt. Auch hier gibt es einige Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Empfehlung. Patientenorganisationen wurden bei der Erstellung nicht beteiligt.

 

Beide Meinungsfraktionen berufen sich auf den aktuellen Wissens- und Erkenntnisstand und zitieren zur Untermauerung ihrer jeweiligen Position entsprechende Studien und weitere fachliche Grundlagen. Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit kann zum momentanen Zeitpunkt jedoch lediglich festgestellt werden:
1. Es können nicht beide Seiten gleichzeitig Recht haben.
2. Es wird sowohl von der einen wie auch der anderen Seite häufig eine Evidenz behauptet, die so nicht vorhanden ist.
3. Die Kontroversen wären so nicht denkbar, wenn
a) die strittigen Punkte aufgrund der vorhandenen Studienlage geklärt wären und
b) wenn auch nur annähernd zuverlässige labordiagnostische Aktivitäts- und Therapiemarker mit sowohl hoher Spezifität wie auch Sensitivität zur Verfügung stehen würden.

 

Die Borreliose-Leitlinien-Affäre in den USA

 

Im Jahr 2006, kurz nach Erschienen der überarbeiteten Version der von der IDSA (Infectious Diseases Society of America) publizierten Leitlinie Practice guidelines for clinical assessment, treatment and prevention of Lyme disease, human granulocytic anaplasmosis, and babesiosis 2006 leitete der oberste Justizbeamte von Connecticut gegen die Verfasser dieser Leitlinie eine Untersuchung wegen Korruptionsverdacht ein. Am 1.Mai 2008 gab er öffentlich bekannt, dass aufgrund der vorgenommenen Untersuchungen ernsthafte Fehler bei der Überarbeitung der IDSA-Leitlinie festgestellt wurden. Die IDSA erklärte sich zu einer Vereinbarung bereit, die beinhaltete, dass nach einer öffentlichen Anhörung eine Überprüfung der Leitlinie durch ein neutrales Gremium vorgenommen wird. Siehe hierzu: Connecticut Attorney General's Office Press Release

 

Im April 2009 fand, wie vereinbart, eine öffentliche Anhörung statt, die per Video übertragen wurde. Siehe hierzu:  Lyme Disease Review Panel Hearing WEBCAST (Statments auf dem Hearing zur IDSA-Borreliose-Leitlinien-Affäre) 30.7.2009

 

Am 22.4.2010 hat das Überprüfungs-Gremium entschieden, dass keine Änderungen der 2006 von der IDSA entwickelten Leitlinie zur Lyme-Borreliose vorgenommen werden müssen. Allerdings wurde bei einigen Punkten empfohlen, diese beim nächsten Update zu ändern bzw. zu modifizieren. Das dürfte spätestens in zwei Jahren bzw. 2011 sein. Siehe hierzu: SPECIAL REVIEW PANEL UNANIMOUSLY UPHOLDS LYME DISEASE TREATMENT GUIDELINES - Short-term Antibiotics Proven to be Best Treatment for Patients

 

Bereits kurz nach der Bekanntgabe dieser Entscheidung kam es zu einer breiten Welle von Protesten amerikanischer Lyme-Borreliose-Patientenorganisationen, wie u.a. LDA (Lyme Disease Association): STATEMENT OF THE NATIONAL NON PROFIT LYME DISEASE ASSOCIATION, INC. ON THE IDSA GUIDELINES PANEL DECISION 4-22-10

 

Der Generalbundesanwalt von Connecticut reagierte unmittelbar nach Veröffentlichung des Berichts mit einer kurzen Stellungnahme: "Wir werden sorgfältig und umfangreich den Endbericht und den diesem Bricht zugrunde liegenden Review-Prozesses überprüfen, um festzustellen, ob die IDSA die Anforderungen unserer Vereinbarung erfüllt hat." Siehe hierzu: Attorney General Statement On IDSA Guidelines Review Panel Report

 

Artikel und Stellungnahmen

 

Robert-Koch-Institut

Lyme-Borreliose: Forschungsbedarf und Forschungsansätze Ergebnisse eines interdisziplinären Expertentreffens am Robert Koch-Institut Dezember 2008

 

Thomas Talaska und Andreas Krause

Lyme-Borreliose – mehr Probleme als Lösungen? 2005

 

Jutta Zacharias

Gesundheitspolitische Forderungen: Lyme-Borreliose 2005 (Einige Forderungen wurden inzwischen aufgegriffen. Eine Bestandsaufnahme, um was es sich dabei handelt und wie die Entwicklungen insgesamt zu werten sind, ist in Arbeit.)

Mediziner verschleiern die Probleme und behaupten eine Evidenz, die fehlt 2008, (Stellungnahme zum Artikel in Ars Medici Die chronische Lyme-Borreliose - eine erfundene Infektionskrankheit? Die chronische Lyme-Borreliose - eine erfundene Infektionskrankheit?)

 

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