Lyme Borreliose

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Post-Lyme-Syndrom

Lyme Borreliose

Post-Lyme-(Borreliose-)Syndrom

Unspezifische Begleitsymptome, wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen und Fieber gehen mit zahlreichen Infektionskrankheiten einher, insbesondere im Frühstadium. Das ist auch (häufig) bei der Lyme-Borreliose der Fall - und deshalb auch nicht strittig.

Im Fokus der Lyme-Borreliose-Kontroversen steht aber das "Post-Lyme-(Borreliose-)Syndrom" (englisch: "Post Lyme Syndrome" oder "Post Lyme Disease Syndrom"). 1992 wurde eine Studie von AC. Steere und H. Dinerman publiziert, nach der von 287 Patienten mit einer Lyme-Borreliose, die 3,5 Jahre nachbeobachtet wurden, 8% Symptome ähnlich einer Fibromyalgie aufwiesen. Davon wurden 15 Patienten in einer weiteren Studie mit intravenösem Ceftriaxon 2g vier Wochen lang behandelt. 14 sprachen nicht auf diese Therapie an. Die Schlussfolgerung war, dass eine Lyme-Borreliose möglicherweise eine Fibromyalgie triggern könnte, aber die Symptomatik nicht mit Antibiotika heilbar sei. Allerdings ist diese Studie umstritten, zumal sie nichts darüber aussagen kann, ob möglicherweise andere Antibiotika-Klassen besser Erfolge zeigen.

1995 veröffentlichte L: Sigal von der Universität Brunswick ein Review. Er befürchtete eine Überdiagnose und Übertherapie der Lyme-Borreliose und erfand deshalb den Begriff "Post Lyme diseases". (Sigal 1995) Einige europäische und amerikanische Studien zeigten später, dass nach einer 14-tägigen bis vierwöchigen Antibiotika-Therapie (insbesondere mit Ceftriaxon) bei etwa 10 - 20% der Lyme-Borreliose-Patienten und bei 20 - 50% der Neuroborreliosepatienten Symptome (wie u.a. chronische Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Muskel- und Gelenkschmerzen und bei Vorliegen einer Neuroborreliose auch teilweise kognitive und psychische Beeinträchtigungen) weiterhin bestehen bleiben. Die zentrale Frage ist, ob diese Symptomatik durch persistierende Erreger oder durch nicht mehr erregerbedingte immunpathologische Prozesse verursacht wird.

2001 wurden die Ergebnisse einer zweiphasigen randomisierten und placebo-kontrollierten Studie unter Leitung von M. Klempner veröffentlicht, die ergab, dass unspezifische Beschwerden im Rahmen einer Lyme-Borreliose nicht mit Antibiotika heilbar und ein positives Ansprechen auf eine längere Antibiotika-Therapie auf einen Placebo-Effekt zurückzuführen sei. Diese Untersuchung war mit mehreren Millionen Dollar von den National Institutes of Health finanziert worden. Da diese Studie in den USA aufgrund ihres Studiensettings und ihrer Ergebnisinterpreation keine allgemeine Akzeptanz fand, wurde einer weitere Studie mit über einer Millionen Dollar öffentlichen Mitteln gefördert. Diese Studie, die von der Columbia-Universität unter Leitung von B. Fallon durchgeführt und 2008 veröffentlicht wurde, kam bei der Untersuchung der Wirksamkeit einer 10wöchige Ceftriaxon-Therapie bei der Lyme-Enzepahlopathie zu indifferenten Ergebnissen. (Anmerkung: Das Chronic-Fatigue-Syndrom wird teilweise auch als Myalgische Enzephalopathie bezeichnet.)

Zu Verwirrungen führt vor allem, dass in den amerikanischen Diskussionen häufig das Post-Lyme-Borreliose-Syndrom auch als "chronische Lyme-Borreliose" bezeichnet wird, obwohl es sich dabei nur um eine von mehreren möglichen Spätfolgen dieser Infektionskrankheit handelt. Auch wird oftmals nicht klar definiert, mit welcher Bedeutung dieser Begriff verwendet wird. Erregerpersistenz oder Postinfektiös? Siehe hierzu auch Krankheit

Statt Post-Lyme-Borreliose-Syndrom verwenden einige amerikanische Wissenschaftler auch den Begriff "Post-Lyme-Borreliose-Behandlungs-Syndrom" (englisch: Post-Lyme disease treatment syndrome) was die Frage nach der Ursache offen lässt. In Deutschland wird in Arztberichten auch manchmal angegeben "Z.n. (Zustand nach) antibiotika-therapierter Borreliose". Einige Wissenschaftler und Mediziner verwenden auch die Umschreibung "unspezifische Beschwerden", wobei nicht klar ist, was damit gemeint ist.

Diese Unklarheiten haben auf der einen Seite dazu geführt, dass einige Mediziner (häufig Privatärzte) eine chronisch-persistierende Infektion mit
Borrelia burgdorferi auch dann diagnostizieren, wenn Patienten über einen langen Zeitraum über Symptome klagen, wie u.a. Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schmerzen, Wesensveränderungen und Depressionen, kein Zeckenstich erinnerbar ist, kein Erythema migrans oder ein anderes charakteristisches Leitsymptom vorausgegangen ist und auch die Borrelien-Serologie negativ ist. Es werden zum Teil sehr lange Antibitoika-Therapien (auch mit intravenösen Betalaktam-Antibiotika) durchgeführt, teilweise über Monate oder sogar Jahre. Spricht die Symptomatik nicht auf die Behandlung an, wird von den betreffenden Ärzten erklärt, das nun eine chronische Lyme-Borreliose vorliegen würde, die nicht mehr mit Antibiotika (allein) heilbar sei. Dann werden von einigen Ärzten zahlreiche para- und pseudomedizinische Verfahren angewendet, die angeblich Toxine ausleiten, Borrelien aus ihren Verstecken locken, den Körper entgiften oder das Immunsystem stimmulieren sollen. Seit neuestem wird von einigen Ärzten auch eine "chronische Lyme-Borreliose" diagnostiziert, aber mit dem Hinweis, diese wäre nicht mehr mit Antibiotika heilbar, auch keinerlei Antibiotika-Therapie durchgeführt sondern nur paramedizinische Verfahren verwendet.

Auf der anderen Seite wird von einigen meinungsführenden Wissenschaftlern und Medizinern erklärt, auch bei Patienten, bei denen die Ausgangsdiagnose Lyme-Borreliose aufgrund der von ihnen empfohlenen Diagnosetkriterien sowie mit sehr spezifischen Tests gesichert wurde, sei eine höchstens vierwöchige Behandlung (meist erst Doxycyclin und dann Ceftriaxon) immer erfolgreich, weshalb es keine chronisch-persistierende Lyme-Borreliose geben würde. Verbleibende Symptome nach einer solchen Behandlung wären nicht auf Therapieversager sondern auf postinfektiöse Prozesse, Defektheilungen oder Reinfektionen zurückzuführen. Das wäre insbesondere bei Symptomen, die unter dem Begriff "Post-Lyme-Borreliose-Syndrom" subsumiert werden, der Fall, aber auch bei allen anderen Spätmanifestationen.

Das Post-Lyme-Borreliose-Syndrom ähnelt einem Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS), das auch als Myalgische Enzephalopathie bezeichnet wird. Das CFS weist in der Symptomatik Überlappungen mit einem Firbromyalgiesyndrom (FMS) auf, weshalb seit Jahren ergebnislos diskutiert wird, ob beide eine gemeinsame Ursache haben könnten. Bei dem CFS handelt es sich ebenfalls um eine äußerst kontrovers gesehene Krankheit, zu deren Symptomatik und möglichen Ursachen vielfältige unterschiedliche Theorien bestehen. (Post-)infektiös? Umweltoxine? Psychosomatisch? Immunpathologische Prozesse? Oder mehrere dieser Faktoren? Bislang wurde auch noch kein eindeutiger und allgemeingültiger labordiagnostischer Marker gefunden, um das CFS oder das FMS zweifelsfrei festzustellen. Die Diagnostik beruht deshalb weitgehend auf den Angaben der Patienten, Beobachtungen der Symptomatik und körperlichen Untersuchungen. Von einigen Autoren wird bei beiden Syndromen zwischen primär und sekundär verursacht unterschieden.

Das Chronic-Fatigue-Syndrom weist wiederum Ähnlichkeiten mit dem sogenannten "Gulf-War-Syndrom" (Golf-Kriegs-Syndrom) auf, an dem ein Teil der amerikanischen Soldaten, die aus dem Golf-Krieg heimkamen, erkrankt waren. Auch über die mögliche Ursache dieses Syndroms gibt es in den USA kontroverse Diskussionen. Es wurden mehrere mögliche Ursachen untersucht, wie Infektionen, Impfungen, Posttraumatische Belastungsstörung und Insektenschutzmittel. 2004 wurden die Ergebnisse einer placebo-kontrollierten Studie veröffentlicht, die unter Leitung von S. Donta durchgeführt wurde. Untersucht wurde z.B., ob die GW-Symptomatik von 497 Veteranen mit positiver Mykoplasmen-DNA auf eine 12monatige Doxycyclin-Therapie anspricht. Es wurden keine signifikanten Unterschiede bei der Wirksamkeit gegenüber der Placebogruppe festgestellt. (Donta S. Benefits and Harms of Doxycycline Treatment for Gulf War Veterans' Illnesses A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial 2004) S. Donta hat auch Studien zur Behandlung der Lyme-Borreliose mit Doxycyclin und Makroloiden durchgeführt und Artikel über das Post-Lyme-Syndrom verfasst.

Ebenso wurde untersucht, ob das GWS möglicherweise die Folge des Einsatzes der Insektenschutzmittel DEET und Permethrin sein könnte. Mit diesen Pestiziden waren die Uniformen der Soldaten imprägniert worden. Sie wurden auch zusätzlich als Sprays eingesetzt. Ein abschließender Bericht einer Untersuchungskommission lässt allerdings noch viele Fragen offen. Siehe hierzu auch: Bauer, Lohmann: Das Golf-Kriegs-Syndrom. Chemie oder Psychiatrie? 2008. Permethrin ist nach wie vor in Repellents gegen Mücken, Flöhe und auch Zecken enthalten. Siehe hierzu auch Prävention.

Anmerkung

Die AWMF-S-III-Leitlinie zur Fibromyalgie hätte im ersten Halbjahr 2011 aktualisiert werden müssen, was nicht erfolgt ist. Das wird entsprechend kenntlich gemacht: Fibromyalgiesyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie

In Ermangelung einer deutschen Leitlinie zum Chronic-Fatigue-Syndrom werden hier die amerikanischen CDC-Kriterien verlinkt: Chronic Fatigue Syndrom

Weiterführende Informationen

Aktuelles

Aucott JN. et al.
Post-treatment Lyme disease syndrome symptomatology and the impact on life functioning: is there something here? 2012

Ljøstad U, Mygland A.
The phenomenon of 'chronic Lyme'; an observational study. 2012


Antibiotika-Therapie PLS

Klempner et al.
Two Controlled Trials of Antibiotic Treatment in Patients with Persistent Symptoms and a History of Lyme Disease 2001
und
ILADS-Stellungnahme zu dieser Studie (deutsche Übersetzung) 2002

Fallon et al.
A randomized, placebo-controlled trial of repeated IV antibiotic therapy for Lyme encephalopathy 2008

Pathogenese PLS

Eikeland R. et al.
European neuroborreliosis: neuropsychological findings 30 months post-treatment. 2012

Aucott et al.
Post-treatment Lyme disease syndrome symptomatology and the impact on life functioning: is there something here? 2012

Schutzer et al.
Distinct cerebrospinal fluid proteomes differentiate post-treatment lyme disease from chronic fatigue syndrome 2011

Bujak et al.
Clinical and neurocognitive features of the post Lyme syndrome

Review u.a. PLS

Lantos
Chronic Lyme disease - The controversis and the science 2011

Cassisi G, et al.
Chronic widespread pain and fibromyalgia: could there be some relationships with infections and vaccinations? 2012

XRMV-Skandal

New York Times
Fallout From Fatigue Syndrome Retraction Is Wide Febr. 2012

Spiegel online
Diebstahl-Vorwurf - Bekannte US-Forscherin muss vor Gericht Nov. 2012

Robert-Koch-Institut
XMRV: Neue Erkenntnisse zu potenzieller Assoziation mit humanen Erkrankungen bieten Anlass zur Entwarnung 2011


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